1. Navigation
  2. Inhalt
  3. Herausgeber
Inhalt

Sucht und Abhängigkeit

Die Bezeichnungen Sucht und Abhängigkeit werden im Sprachgebrauch oftmals synonym verwendet. Alkoholsucht, Eifersucht, Kaufsucht oder Drogensucht werden im Volksmund unter der Bezeichnung Sucht verstanden und verwendet.

Sucht wird als das zwanghafte Verlangen nachbestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen definiert, die Missempfindungenvorübergehend lindern und erwünschte Empfindungen auslösen. Die Substanzen oder Verhaltensweisen werden konsumiert beziehungsweise beibehalten, obwohl negative Konsequenzen für die betroffene Person und für andere damit verbunden sind.

1957 hat dieWeltgesundheitsorganisation (WHO Sucht 1957 als »ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge« definiert. Im offiziellen Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) existierte der Begriff »Sucht« von 1957 –1964. Danach wurde er durch »Missbrauch« und »Abhängigkeit« ersetzt.

Abhängigkeit bedeutet dass der/die Konsument nicht mehr ohne das Suchtmittel (Alkohol, Drogen, Medikamente) leben kann. In der Fachsprache nennt man dies das »Abhängigkeitssyndrom«. Es zeichnet sich durch eine Anzahl von seelischen und/oder körperlichen Erscheinungen aus, die sich nach wiederholter Einnahme von psychotropen Substanzen einstellen. Psychotrop bedeutet, dass die eingenommenen Stoffe das Bewusstsein und die Seele verändern. Krankhaftabhängig kann man auch von bestimmten Verhaltensweisen wie Kaufen, Glücksspielen, Arbeiten, Internetsurfen oder in Beziehungen werden.

Die Diagnose Abhängigkeit darf nur gestellt werden, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres vorhanden waren:

  1. Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren.
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf den Beginn, die Beendigung oder die Menge des Konsums.
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch substanzspezifische Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder nahe verwandter Substanzen, um Entzugssymptome zu vermindern oder zu ermeiden.
  4. Nachweis einer Toleranz gegenüber der Substanz, im Sinne von erhöhten Dosen, die erforderlich sind, um die ursprüngliche durch niedrigere Dosen erreichte Wirkung hervorzurufen.
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums sowie ein erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu konsumieren oder sich von den     Folgen zu erholen.
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen.

Die Diagnose einer Substanzabhängigkeit kann auf jede Substanzklasseangewendet werden. Aufgeführt im ICD-10 werden Alkohol, Opioide, Cannabinoide,Kokain, Stimulanzien, Halluzinogene, flüchtige Lösungsmittel (Schnüffelstoffe), Tabak sowie Schlaf- und Beruhigungsmittel.

Um der Vielfalt des Umgangs mit Suchtstoffen Rechnung zu tragen, wird dieser in drei Kategorien eingeteilt:

  • riskanter Konsum: Beeinträchtigung der Gesundheit auf Grund der Menge und/oder der Häufigkeit des Konsums,
  • schädlicher Konsum: Konsummuster, bei dem die Betreffenden trotz wiederholt auftretender negativer Folgen den Suchtstoff regelmäßig konsumieren,
  • psychische und/oder physische Abhängigkeit.

Zur Erklärung der Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen wird auf das sogenannte bio-psychosoziale Modell zurückgegriffen. Nach diesem Modell beruht die Entstehung einer Abhängigkeitserkrankung auf einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge, das die Faktorengruppen

  • spezifische Wirkungen der Substanz,
  • individuelle Merkmale der konsumierenden Person,
  • soziale Faktoren der Umgebung

umfasst. Sie sind je nach Substanz, Person und Umgebung in unterschiedlichem Maße wechselseitig wirksam. Das Gefüge ist nicht statisch, sondern dynamisch. Neben den substanzbezogenen Abhängigkeitserkrankungen werden oftmals suchtähnliche nicht-stoffgebundene Erkrankungen unter die Suchterkrankungen subsumiert. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Problematiken, wie Ess-Störungen, Pathologisches Glücksspiel, Internet-/Medienabhängigkeit.

In den diagnostischen Systemen werden Ess-Störungen unter »Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren« (ICD 10: F50.-) und Pathologisches Glücksspiel unter »Störung der Impulskontrolle« (ICD 10: F63.0) klassifiziert. Internet-/Medienabhängigkeit ist als eigenständige Erkrankung bisher nicht anerkannt und aktuell unter »nicht näher bezeichnete abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle« (ICD-10: F63.9)  eingeordnet. Unabhängig der konkreten Einordnung in den Klassifikationssystemen ist unstrittig, dass in diesem Zusammenhang ausgeprägte Störungsbilder mit hohem Behandlungsbedarf auftreten.